{"id":2404,"date":"2017-03-22T06:34:53","date_gmt":"2017-03-22T06:34:53","guid":{"rendered":"http:\/\/sd.special-doctors.de\/?p=2404"},"modified":"2018-05-25T14:04:20","modified_gmt":"2018-05-25T14:04:20","slug":"pd-dr-med-karsten-labs-schulterschmerzen-des-volleyballers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.special-doctors.de\/en\/news\/pd-dr-med-karsten-labs-schulterschmerzen-des-volleyballers\/","title":{"rendered":"PD Dr. med. Karsten Labs: Schulterschmerzen des Volleyballers"},"content":{"rendered":"<p>Das Schultergelenk ist das beweglichste Gelenk des menschlichen K\u00f6rpers. Es vereinigt eine relativ kleine Gelenkpfanne mit einem kugelgeformten Kopf. Nur ein komplizierter Aufbau der passiven Stabilisatoren Gelenklippe und Kapsel-Band-Apparat sowie den dynamischen Stabilisatoren der Rotatorenmanschette erm\u00f6glichen das gro\u00dfe Bewegungsausma\u00df des Schultergelenks.<\/p>\n<p>Zahlreiche, sogenannte \u00dcberkopfsportler, wie Volleyballer erleben im Laufe ihrer aktiven Spielzeit Schulterschmerzen in der Schlagschulter. Das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Entstehung dieser schmerzhaften Schultergelenkerkrankung ist in der Vergangenheit oft fehl gedeutet und auch die therapeutischen Ma\u00dfnahmen nicht ad\u00e4quat eingesetzt worden.<\/p>\n<p>Trainer und Betreuer von Volleyballspielern bemerken, dass die Angriffstechnik sich verschlechtert und assoziieren dies mit der Entstehung von Schulterschmerzen. Behandelnde \u00c4rzte dagegen interpretieren das Symptom Schulterschmerz h\u00e4ufig als Beschwerdekomplex der Bizepssehne oder des Subakromialraumes (Bereich zwischen Schultergelenk, Rotatorenmanschette und Schulterh\u00f6he). Bei schmerzhafter Therapieresistenz wird leider h\u00e4ufig unkritisch und konzeptionslos die Indikation zur Schultergelenkoperation mit subakromialer Dekompression (Raumschaffung bei Engpasssyndrom) gestellt. Diese therapeutische Ma\u00dfnahme ist beim jungendlichen und erwachsenen Sportler absolut kontraindiziert und kann nicht das Schulterproblem adressieren.<\/p>\n<p>Im Folgenden wird der Zusammenhang des Entstehungsmechanismus der schmerzhaften Volleyballerschulter aufkl\u00e4rt, die Warnsymptome der Betroffenen benannt, den Therapeuten einen Therapiealgorithmus aufgezeigt und den Trainern Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen dargelegt.<\/p>\n<p>Beim Angriffsschlag der Volleyballer in maximaler Abspreiz- und Au\u00dfenrotations-bewegung kommt es zu einer funktionellen Einklemmung der hinteren anatomischen Strukturen des Schultergelenks. Diese Einklemmung der hinteren Gelenkkapsel und Anteile der Rotatorenmanschette kann lange Zeit ohne klinische Symptome und Folgen bleiben. Es handelt sich um eine physiologische Einklemmung. Durch die stereotypen Bewegungsabl\u00e4ufe des Angriffsschlags kann der hintere unterer Kapselbandapparat gereizt und initial auch durchaus Schmerzen im hinteren Schultergelenkanteil verursachen. Die wiederholten Reizungen des Kapsel-Band-Apparates f\u00fchren zu strukturellen Ver\u00e4nderungen im Sinne von Gewebever\u00e4nde-rungen mit Elastizit\u00e4tsverlust und Verk\u00fcrzungen. Diese Verk\u00fcrzungen haben dann zur Folge, dass sich das Kapselvolumen des Schultergelenks verringert und sich erste Bewegungsverluste insbesondere der Innenrotation einstellen. Da allerdings die Angriffsbewegungen immer weiter im Training und Wettkampf ausgef\u00fchrt werden, versucht die Kugel des Schultergelenks sich den erforderlichen Raum f\u00fcr die Schultergelenkbeweglichkeit im vorderen Gelenkkapselbereich zu suchen. Es kommt dadurch zur Verlagerung des Drehzentrums am Schultergelenk und bei maximaler Abspreiz- und Au\u00dfenrotationsbewegung zum Vorw\u00e4rtsgleiten des Oberarmkopfs gegen die vordere Gelenkkapsel. Dies hat wiederum zur Folge, dass die vordere Schultergelenkkapsel st\u00e4ndig schmerzhaft gereizt wird und die Kapselstrukturen sich erweitern (CAM-Impingement &#8211; Nockenwelle). Es kann im Extremfall bei ausgepr\u00e4gter hinterer Kapselverk\u00fcrzung und vorderer Kapselerweiterung zu \u201efast\u201c vorderen Gelenkauskugelungen kommen. Bei fortgeschrittenen Formen k\u00f6nnen auch strukturelle Ver\u00e4nderungen mit Teilabl\u00f6sungen des Bizepsankers der oberen hinteren Gelenklippe (SLAP- L\u00e4sionen) auftreten.<\/p>\n<p>Die Sportler bemerken h\u00e4ufig initial einen unterschwelligen Schmerz im hinteren Schulterbereich. Im fortgeschrittenen Stadium werden die Schmerzen auf den vorderen Schulterbereich projiziert und nicht selten als Entz\u00fcndung der langen Bizepssehne fehlinterpretiert. Subjektiv empfindet der Sportler keinen Verlust der Beweglichkeit des Schultergelenkes, allerdings stellen sich fr\u00fchzeitig Meid-bewegungen ein. Der optimale h\u00f6chste Abschlagpunkt verursacht Schulter-schmerzen und wird aus diesem Grund durch eine reaktive Armeink\u00fcrzung gemieden. Hier werden sp\u00e4testens die technischen Ver\u00e4nderungen in der Schlagbewegung auff\u00e4llig und sichtbar. W\u00e4hrend im Beachvolleyball lange Zeit diese Probleme durch taktische Schlagvarianten maskiert werden k\u00f6nnen, sind diese im Hallenvolleyball nicht zu kompensieren. Nicht selten berichten die Sportler, dass sie insbesondere die Schmerzen beim Einschlagen bemerken. Wenn sie ausreichend erw\u00e4rmt sind, verringern sich diese. Anders dagegen empfinden einige Sportler beim Abschlag des Balls am h\u00f6chsten Punkt einen pl\u00f6tzlich einsetzenden Sekundenschmerz, der nach Heranf\u00fchren des Arms an den K\u00f6rper sofort vergeht. Im amerikanischen Sprachgebrauch wird dieses Ph\u00e4nomen als \u201edead arm sign\u201c bezeichnet. Die Ursache ist eine vordere \u201efast\u201c Auskugelung des Schultergelenks, wobei die Schmerzen nach Spontaneinstellung (Reposition) der korrespondierenden Gelenkfl\u00e4chen nicht mehr vorhanden sind.<\/p>\n<p>Bei der klinischen Untersuchung sind auf den ersten Blick keine nennenswerten Bewegungseinschr\u00e4nkungen zu erkennen. Dies steht im v\u00f6lligen Gegensatz zum sogenannten subakromialen Engpasssyndrom. Erst bei gezielter Untersuchung der hinteren Schultergelenkkapsel demaskieren sich Bewegungsdefizite. So kann in der Regel die Horizontaladduktion (Heranf\u00fchren des 90\u00b0 abgespreizten und gestreckten Arms zur Gegenseite im Seitenvergleich verringert sein. Gleiches gilt in Seitenlage auf der unbetroffenen Seite, Fixierung des Schulterblattes und ebenfalls Horizontaladduktion. Noch auff\u00e4lliger ist der krankhaft ver\u00e4nderte Bewegungsverlust bei 90\u00b0 abgespreiztem Schultergelenk und maximaler Innenrotation. Diese Untersuchung kann beim stehenden oder liegenden Sportler erfolgen. Letztlich kann der Sportler auch in Seitenlage der betroffenen Seite bei 90\u00b0 abgespreiztem Schultergelenk und 90\u00b0 Ellenbogengelenkbeugung die Innenrotation getestet werden. Normalerweise kann bei uneingeschr\u00e4nkter Beweglichkeit die Untersuchungsliege mit der Hand erreicht werden. Dieser Verlust der Innenrotationsf\u00e4higkeit bei \u00dcberkopfsportlern wurde erstmals von BURKHART (2000) beschrieben und als GIRD (Glenohumeral internal rotation deficit) bezeichnet.<\/p>\n<p>Die vordere Pseudoinstabilit\u00e4t kann mit pathologieorientierten Untersuchungstest problemlos differenziert werden. Es kann zu einer Schmerzentstehung kommen, wenn der Sportler die Hand hinter den Kopf legt, sogenannter Nackengriff. Die Position provoziert das passive Vorw\u00e4rtsgleiten des Oberarmkopfes gegen die Gelenkkapsel. Bei den aktiven Untersuchungstests wird durch die Kraft des Untersuchers die Gleitbewegung des Oberarmkopfes provoziert. Hierzu z\u00e4hlt das obere Apprehensionszeichen. Der Untersucher steht hinter dem Sportler und fixiert das Schulterblatt. In 90\u00b0 und 120\u00b0 Abspreiz- und Au\u00dfenrotationsstellung wird dann ein Daumendruck auf den Oberarmkopf ausgef\u00fchrt. Diese Manipulation bewirkt ein Vorw\u00e4rtsgleiten des Oberarmkopfes gegen den vorderen Kapsel-Gelenklippen-Komplex und f\u00fchrt ebenfalls zur Schmerzentstehung. Letztlich ist der sogenannte Load and shift Test hochsensitiv. Der Sportler liegt auf dem R\u00fccken, das Schultergelenk wird abgespreizt und au\u00dfenrotiert. Mit st\u00e4rkerer Au\u00dfenrotation kommt es zum Vorw\u00e4rtsgleiten des Oberarmkopfes und zur Schmerzentstehung. Legt der Untersucher nun die Hand auf die Innenseite des Oberarms und dr\u00fcckt den Oberarmkopf zur\u00fcck, kommt es spontan zur Aufhebung der Schmerzen.<\/p>\n<p>Die Diagnose kann durch eine bildgebende Diagnostik (R\u00f6ntgen, Ultraschall, MRT) erg\u00e4nzt werden, wobei es sich lediglich um erg\u00e4nzende Methoden und den Ausschluss von entz\u00fcndlichen sowie strukturellen Ver\u00e4nderungen handelt. Die Priorit\u00e4t der Diagnostik liegt eindeutig in der Befragung des Sportlers und der gezielten klinischen Untersuchung.<\/p>\n<p>Die therapeutischen M\u00f6glichkeiten sind multimodal und richten sich nach dem Verlauf der Erkrankung. Bei akuten Erstbeschwerden sollten eine tempor\u00e4re Belastungsreduktion (1-2 Wochen), keine \u00dcberkopftrainingst\u00e4tigkeiten, lokale K\u00fchlung, systemische Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika, lokale Elektroschmerztherapie (TENS), muskul\u00e4re Humeruskopfzentrierung (z.B. Theraband) und eine manualtherapeutische Behandlung eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Bei chronischen Verlaufsformen (&gt; 3 Wochen) muss das Training nicht zwingend unterbrochen werden, allerdings sollte vor jeder Trainingsaufnahme eine intensive Dehnung der dorsalen Schulterkapsel erfolgen. Weiterf\u00fchrend kann einmalig in den Bereich der vorderen Schultergelenkkapsel ein Kortisonpr\u00e4parat in Kombination mit einem lokalen Bet\u00e4ubungsmittel appliziert werden. Diese Ma\u00dfnahme kann zwar die Ursache nicht beheben, aber es wird hierdurch m\u00f6glich, den Schmerzkreislauf zu durchbrechen. Hierdurch k\u00f6nnen auch schmerzbedingte Bewegungsverluste positiv beeinflusst werden. Sind Sportler nach der Injektion nicht spontan beschwerdefrei, muss die weitere differentialdiagnostische Abkl\u00e4rung mit einer Magnetresonanz-tomographie erzwungen werden. Eine lokale R\u00f6ntgenschmerzbestrahlung ist aufgrund des jungen Alters der Patienten nicht zu empfehlen.<\/p>\n<p>Bei chronifizierten Verl\u00e4ufen mit ausgepr\u00e4gter hinterer Kapselkontraktur und entsprechend signifikanten Bewegungsverlusten gilt der Leitsatz: <strong>\u201eMobilit\u00e4t vor Stabilit\u00e4t\u201c<\/strong>. Es ist demzufolge nicht zu empfehlen, wie es sich leider zu oft in der Praxis zeigt, die Schmerzproblematik mit konventionellen Schulterstabilisierungs-ma\u00dfnahmen zu therapieren. Diese Ma\u00dfnahme ergibt in dieser Phase des Krankheitsprozesses absolut keinen Sinn. Eine muskul\u00e4re Kr\u00e4ftigung des schon bewegungsgest\u00f6rten Gelenkes mit muskul\u00e4ren und kapsul\u00e4ren Imbalancen kann die Beschwerdesymptomatik sogar verschlimmern. Im Focus der Therapie sollten Dehnungsma\u00dfnahmen durch geschulte krankengymnastische und manualtherapeutische Ma\u00dfnahmen stehen. Bew\u00e4hrt hat sich die Technik der postisometrischen Relaxation.<\/p>\n<p>Erst wenn das physiologische Bewegungsausma\u00df wieder erreicht wurde, k\u00f6nnen uneingeschr\u00e4nkt Stabilisierungsma\u00dfnahmen, im Wesentlichen durch Selbsttraining, durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>In der Mehrzahl der F\u00e4lle l\u00e4sst sich die Schulterproblematik erfolgreich nicht operativ behandeln. Kommt es unter den eingesetzten Ma\u00dfnahmen nicht zur Schmerzreduktion und zum Persistieren der Beschwerdesymptomatik ist eine Schulterarthroskopie indiziert. Hierbei sind entsprechend den gefundenen Ver\u00e4nderungen eine Gl\u00e4ttung der Gelenklippe und der Rotatorenmanschette erforderlich, eine Fixierung der instabilen oberen oder vorderen Gelenklippe, eine ventrale Kapselplikatur und das obligate Kapselrelease der hinteren unteren Gelenkkapsel. Eine entsprechende krankengymnastische Nachbehandlung nach den Rehabilitationsvorgaben des Operateurs ist essentiell.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4vention derartiger erworbener Schultererkrankungen ist in allen Alters- und Leistungsklassen des Volleyballs von enormer Wichtigkeit. Es handelt sich definitiv um eine vermeidbare Erkrankung, wenn die entsprechenden Warnsymptome und Defizite erkannt werden. Hierzu ist vor allem der Trainer und Ausbilder gefordert. Regelm\u00e4\u00dfige Dehnungsma\u00dfnahmen der hinteren Schultergelenkkapsel, speziell der Innenrotation, nach dem Training und Wettkampf ist Grundvoraussetzung zur Vermeidung der Bewegungsimbalance. Auch st\u00e4ndige Selbstkontrollen der Athleten sind f\u00fcr die Detektion derartiger Ver\u00e4nderungen hilfreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zusammenfassung:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>der Schulterschmerz eines Volleyballers ist h\u00e4ufig auf der Grundlage wiederholter Fehlbelastungen mit einer hinteren Kapselkontraktur verbunden<\/li>\n<li>die Ursachen liegen im hinteren Schulterbereich, die Symptome sind in der Regel im vorderen Schulteranteil<\/li>\n<li>die Schlagtechnik ver\u00e4ndert sich mit der Schmerzentstehung, die Schmerzen sind Ursache und nicht Folge einer schlechten Technik<\/li>\n<li>eine Operation ist nur in Ausnahmef\u00e4llen erforderlich<\/li>\n<li>gezieltes Dehnen der hinteren Kapsel kann die Entstehung der Schulterproblematik vermeiden<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schultergelenk ist das beweglichste Gelenk des menschlichen K\u00f6rpers. Es vereinigt eine relativ kleine Gelenkpfanne mit einem kugelgeformten Kopf. 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